Dienstag, 20. Januar 2015.Zwischen zwei Welten

Urlaub im Entwicklungsland Namibia. Entwicklungsland? Ob diese Kategorisierung so noch stimmt, weiß ich nicht. Trotzdem kann sie hilfreich sein, weil sie die Erwartungen relativiert, die die großformatigen Werbe-Bilder exklusiver Lodges in Afrikas Abendsonne wecken. Eine Übung in klischeefreiem Reisen.

Der Reiseführer beschreibt die Straßen als gut und problemlos befahrbar, aber sie sind mit Vorsicht zu genießen. Die Dame vom Reisebüro, stationiert in Südafrika, warnt vor zu großen Tagestouren: Die Überlandstraßen seien überwiegend Schotter- bzw. Salzstraßen, außerdem würden wir während der Regenzeit reisen – viele Wege könnten überflutet und aufgeweicht sein.

Die einzige Verbindung zwischen zwei Orten, über die praktisch die gesamte Versorgung läuft, eine Schotterstraße? In der Realität ist das noch verrückter als in der Vorstellung. Also gut, nur die kleine Runde: acht Lodges, 2500 Kilometer auf Schotterstraßen, Durchschnittsgeschwindigkeit 80 km/h, Radwechsel und Freischleppen aus tiefem Sand inklusive.

Namibia ist zweieinhalbmal so groß wie Deutschland und hat nur zwei Millionen Einwohner. Endlos geht es durch Wüsten und Steppen, nur hin und wieder begegnet uns ein Fahrzeug. Mulmiges Gefühl auf der Strecke durch die Namib ohne Ersatzrad, das Mobiltelefon zeigt an: kein Netz. Schwerer Unfall nach einer endlos langen Fahrt durch den Etosha Nationalpark. Ein voll besetzter Wagen mit Einheimischen ist von der Fahrbahn abgekommen und hat sich überschlagen. Überall liegen Verletzte – ich rufe in unserer Unterkunft an, will eine Ambulanz bestellen. Die Verbindung bricht ab. Wir nehmen eine Mutter mit ihrem verletzten Baby mit, unterwegs treffen wir auf eine Parkpatrouille. Eine Rangerin steigt zu und sagt: „Fahren Sie in die Klinik“. Die Klinik ist eine verwaiste Baracke. Die Rangerin telefoniert: Es wird jemand kommen. Bald. Ich stelle mir vor, welche Maschinerie bei uns in Deutschland in Gang gesetzt wird bei solch einem Unfall. Und ich merke, dass der Vergleich hinkt:

Allein die Infrastruktur eines so großen, noch dazu wasserarmen Landes zu entwickeln, ist eine echte Herausforderung. Ansiedlungen gibt es nur, wo es Wasser gibt. Windhoek, die Hauptstadt, ist mit 220.000 Einwohnern riesig und eigentlich viel zu groß für das zur Verfügung stehende Grundwasser. Kleinste Orte liegen hunderte Kilometer entfernt voneinander. Hier kann es keine perfekte Infrastruktur geben.

Gesellschaftlich ist Namibia vergleichsweise weit, finde ich. Viele Lodges werden von Schwarzen geführt, der Staff besteht aus Schwarzen und Weißen. Das habe ich in Südafrika anders erlebt. Namibia hat – sehr ungewöhnlich – ein staatliches Unterstützungsprogramm für Alte und für Menschen mit Behinderung!

Auch wenn, wie ich lese, die Einkommens-Unterschiede in Namibia die größten der Welt sind: Ich finde, Namibia ist weit davon entfernt, ein Entwicklungsland zu sein. Aber diese Kategorisierung ist nicht wirklich wichtig, nur eben manchmal hilfreich…

Kommentare (2)

  1. Welch vielschichtige Impression! Kompliment.

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