Mittwoch, 14. Mai 2014.Zurück zum professionellen Journalismus

Der Maidan im März 2014 (Bild: die arge lola)

Journalisten haben Verantwortung! Sie tragen zur öffentlichen Meinungsbildung bei. Nicht ohne Grund wird die Presse oft als „vierte Gewalt“ im Staat bezeichnet. Und die Liste von Missständen, die Journalisten aufgedeckt haben, ist lang! Deshalb ist es gut, dass ein Murren durch die Republik geht. Es macht sich fest an der undifferenzierten Berichterstattung über die Ukraine-Krise. Nicht nur die sogenannten Leitmedien berichten über empörte Leserstimmen und regelrechte Shitstorms, die diesen unkritischen Journalismus kritisieren.

Gabriele Krone-Schmalz, langjährige ARD-Korrespondentin in Moskau, geht mit ihrer Zunft hart ins Gericht und spricht in diesem Zusammenhang von entlarvenden Automatismen. Da wird zum Beispiel der ‚pro-russische Mob’ gegeißelt, von einer ‚Annexion’ der Krim gesprochen, obwohl völkerrechtlich nicht eindeutig geklärt ist, ob es sich um eine solche handelt, oder es wird so getan, als ob Russland nur aus Putin bestünde. Es werde mit zweierlei Maß gemessen: hier der gute Westen, dort der böse Osten. Bei aller berechtigten Kritik an Putin und Co. sei dies nicht nur falsch, sondern auch unprofessionell. Die Menschen spüren das und empören sich. Und sie wollen mehr Hintergrundinformationen: Welche Interessen hat der Westen, welche der Osten? Wie ist das EU-Assoziierungssabkommen zu bewerten? Welche Ukrainer wollen warum zu Russland? Natürlich kann sich jeder diese Informationen besorgen – die Aufgabe von Journalisten ist es jedoch, diese einzuordnen, kritisch zu sortieren und Dinge so neutral wie möglich zu durchleuchten.

Krone-Schmalz vermisst den Respekt bei ihren Kollegen und erlebt eine Häme im Blick auf Russland. Auch in den abendlichen Talkshows wird mit Unterschwelligkeiten gearbeitet (‚Wer stoppt Russland?’), werden zum Teil Stammtisch-Parolen befeuert. Das ist für eine ausgewogene Meinungsbildung nicht hilfreich. Verantwortungsvoller Journalismus braucht vor allem eines: Zeit. Zeit für die Draufsicht, Durchsicht und Weitsicht. Doch wenn mit oberflächlichem Blick nur Spektakuläres in den Fokus genommen wird, wenn komplizierte Zusammenhänge nicht mehr beim Namen genannt werden, dann verflacht unser Wissen, trübt sich unser Blick auf die Welt und auf Andersdenkende, verkümmert jegliche Kritik. Nicht nur in der Ukraine-Krise. Es wäre gut, wenn die Journalisten, die sich dieser Nachlässigkeit schuldig gemacht haben, ihre hohe Verantwortung wieder ernst nähmen und verbal abrüsteten. (Das Interview auf youtube)

Kommentare (4)

  1. Hallo Hannelore,
    das Interview von Frau Krone-Schmalz ist noch auf youtube zu sehen. Leider gibt es unter den Journalisten mehr Abschreiber als kompetente und verantwortliche Persönlichkeiten.

    Gruß

    Jo

  2. Danke für diesen couragierten Beitrag. Es scheint mir aber nicht nur um das Problemfeld mangelnden Verantwortungsbewusstseins bei Journalisten zu gehen. Es ist vielfach ein erheblicher Bildungsverlust bzgl. der Kenntnis historischer und zeitpolitischer Fakten unter den „Berichts- und Deutungshoheitlern“ festzustellen. Journalisten und selbst agierende Politiker äußern sich zunehmend vermutend, meinend, spekulierend. Falls es nicht am schludrigen Umgang mit der Wahrheit (die zu erkennen natürlich nicht immer leicht ist, aber man könnte deutlich werden lassen, dass man sich ihr durch differenzierte Tiefenbohrungen zu nähern bemüht ist) oder am Bildungsdefizit liegt, dann wäre die zu Recht kritisierte öffentliche Informations- und Meinungsbildung: Strategie? Auch darüber haben wir Anlass nachzudenken. Frau Krone-Schmalz fehlt als aktuelle Berichterstatterin und Kommentatorin schmerzlich in diesen Tagen, weil es um Krieg oder Frieden in Europa geht …

  3. Liebe Frau Ohle, vielen Dank für diesen Beitrag. Eine klare Beschreibung der Misere der öffentlichen Berichterstattung. Zum Glück gibt es einzelne Journalistinnen und Journalisten, die mit Ihren Analysen im allgemeinen Geschwafel durchdringen. In diesem Zusammenhang ein Lob auf den Deutschlandfunk.
    Herzlichen Gruß
    Ihr
    K. Gebauer

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