Dienstag, 25. November 2014.Zukunft braucht Wissen um die Vergangenheit

Kürzlich besuchte ich eine Veranstaltung junger Studierender, es wurde über Elektroautos diskutiert. Ziemlich verblüfft hat die jungen Leute, dass es Elektromotoren als Antrieb für Autos schon im 19. Jahrhundert gab! Und sie konnten nicht auf Anhieb verstehen, dass Gottlieb Daimler und Carl Benz 1886 zeitgleich die ersten Automobile entwickelt haben, ohne voneinander zu wissen und ohne sich zu kennen – obwohl sie nicht einmal 100 Kilometer voneinander entfernt lebten. Unvorstellbar in unserer heutigen Twitter- und Selfie-Welt.

Manche Menschen sind einfach „aus der Zeit“ gefallen. Sie leben im Hier und Jetzt, ihr Rückblick umfasst gerade das eigene Leben, ihnen ist nicht bewusst, wie anders das Leben früher war. Bis eine Information ihren Weg von A nach B fand, verging sehr viel Zeit. Die Geschwindigkeit, mit der wir heute kommunizieren, begann mit dem Internet – das ist gerade mal fünfzehn Jahre her.

Diese Unterschiede präsent zu haben, ist wichtig. Man muss sie kennen, um Entwicklungen richtig einzuordnen und künftige verantwortungsvoll zu planen!

Vielen Jugendlichen ist Geschichts-Wissen – auch im Hinblick auf das Weltgeschehen – nicht gegenwärtig. Religiöse Verwerfungen, Machtasymmetrien, Stammeskämpfe, Welt- und Bürgerkriege haben Wurzeln, die fast immer sehr weit zurückliegen. Die Ursachen sind komplex, verschachtelt, ‚interdisziplinär’. Erst die Betrachtung im geschichtlichen Kontext erklärt das Heutige.

Die Ausbildung heute ist sehr fachspezifisch, ergebnis- und zielorientiert. Zeit für Reflexion fehlt. Es sind die Jugendlichen, die unsere Zukunft gestalten. Wir sollten versuchen, sie für die Bedeutung der Vergangenheit zu sensibilisieren.

credit: fotolia

Kommentare (5)

  1. Liebe Hannelore, das ist großartig, was Du beschreibst, versuche ich seit 10 Jahren mit den Denkwochen in die Welt zu bringen. Denn nicht nur die jungen Menschen, auch wir Älteren brauchen das verknüpfende Denken oder das komplementäre, das wir bei Ernst-Peter Fischer gelernt haben. „Ohne Herkunft keine Zukunft“ sagt Odo Marquward und da hat er recht. Ich bin Dir dankbar für diesen blog und versichere Dir, dass es meine Ambition bleibt so viel wie möglich darauf hinzuwirken, dass Zusammenhänge klar werden.

  2. Es wird nicht reichen, junge Leute „für die Bedeutung der Vergangenheit zu sensibilisieren“. Um Geschichte zu verstehen, braucht man erstmal knallhartes Faktenwissen und das zu erwerben, ist ja schon seit mindestens 30 Jahren „out“. Ohne solides Rahmenwissen bez. Daten, Ereignissen, handelnden Personen, wirtschaftlichen Gegebenheiten etc. nützt dann auch das Internet nichts- weil man ja garnicht weiß, nach was man suchen müßte, bzw. das Gegoogelte doch nicht nicht einordnen kann. Da zeigt sich dann schmerzlich der Unterschied zwischen Bildung und Info.

    • Das stimmt, liebe Maria, allerdings wird dieses Faktenwissen nach wie vor in der Schule vermittelt. Und dann geht es eben doch darum, zu sensibilisieren und Zusammenhänge deutlich zu machen.

  3. Interessanterweise verhalten sich genau diese jungen Leute nun wirklich auch nicht viel anders, als es die parallel entwickenden Erfinder im 19. Jahrhundert taten. Wären sie nämlich in der Nähe im Zuffenhäuser Porsche-Museum und dann dort auch noch aufmerksam gewesen, dann hätten sie dort bereits den Lohner-Porsche mit elektrischem Einzelradantrieb von 1899 bewundern können.

    • Ihre Antwort, lieber Herr Schäfer, bestätigt es: Wir müssen versuchen, das Interesse der jungen Menschen an der Vergangenheit und vor allem an den Zusammenhängen zu wecken. Das ist wahrlich nicht leicht, denn am lautesten und pausenlos um Aufmerksamkeit werben Konsumartikel. Spannender als die ist Geschichte allemal, aber wie können wir jungen Leuten vermitteln, dass sie sie brauchen? Brauchen im Sinne von „benefit“?

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