Mittwoch, 21. November 2012.Wie selbstverständlich ist Bildung?

„Kinder sind von Natur aus neugierig, stellen Fragen und wollen alles ausprobieren. Mit großer Beharrlichkeit bohren sie immer weiter, bis sie eine zufriedenstellende Antwort bekommen…“ Stimmt diese Aussage, die der Tagesspiegel in seiner Februar-Ausgabe macht? Haben „Kinder“, also alle, diese intrinsische Lernmotivation?

Ich glaube nicht, dass diese intrinsische Lernmotivation angeboren ist, sondern dass sie vermittelt wird von den direkten Bezugspersonen – und sie ist viel zu sehr ein Phänomen gebildeter Schichten in aufgeklärten Ländern.

Täglich freue ich mich aufs Neue, dass Lernen in unserer Kultur einen so hohen Stellenwert hat, auch wenn es sieben Millionen Erwachsene gibt, die nicht und weitere 13 Millionen, die nur auf unterstem Niveau lesen und schreiben können – das ist ein Viertel unserer Bevölkerung und ein Skandal, der nicht hingenommen werden kann.

Für uns ist es selbstverständlich, dass schon kleine Kinder forschen und naturwissenschaftliche Phänomene kennenlernen. Wir gehen mit ihnen in Technikmuseen und Science Center. Was für ein Luxus! Einer, den die meisten Kinder nicht kennen.

In vielen Ländern Afrikas haben die wenigsten Mütter eine Vorstellung von Bildung. Selbst Kinder, die in die Schule gehen, lernen dort herzlich wenig, weil die Lehrer schlecht ausgebildet sind. In Nepal können 70% der Menschen weder lesen noch schreiben, und Naturwissenschaften spielen dort überhaupt keine Rolle. In einer großen Buchhandlung in Kathmandu fand ich praktisch keine naturwissenschaftliche Literatur.

Es ist eben nicht selbstverständlich, zu lernen, zu forschen und Dingen auf den Grund zu gehen, und es ist ein großes Glück, im aufgeklärten Europa zu leben!

Kommentare (5)

  1. Die Erkenntnisse der Hirnforschung und der Psychologie stimmen darin überein, dass Kinder mit einem angeborenen Forscherdrang auf die Welt kommen und durch Kommunikation mit ihrer Umgebung – also durch Aktivitäten mit Menschen, Tieren, Dingen und Natur – sprechen und denken lernen. Dialoge mit „ihren“ Menschen initiieren sie selbst,machen also nicht nur nach, was sie hören. Und durch ihre ständigen Spiele und andere Aktivitäten lernen sie alles, was sie „später“ brauchen. Sie müssen selbstständig handeln – ihre Hände und ihre Körper spielen dabei eine zentrale Rolle,ohne Anweisungen und ständige Kontrolle durch Erwachsene, um ihre enormen Potentiale zu nutzen. „Wir machen uns selbst“ ist die Quintessenz der Erkenntnisse von Neurologen. Und deshalb liegt die Verantwortung zunächst bei den Eltern und dann bei allen anderen Erwachsenen, denen sie in KiGa und Schule begegnen. „Beibringen“ können wir ihnen ganz wenig, sie müssen sich aktiv handelnd und entscheidend selber holen, was sie weiterbringen soll. Belehrungsunterricht bremst ihre Entwicklung. Kinder aus sozial schwachen oder Familien ohne deutsche Sprache brauchen besonders viel Unterstützung – aber vor allem indem man mit ihnen ständig spricht und sie aktiv einbezieht ins alltägliche Handeln. Lern- und Paukprogramme bringen wenig, vor allem wenn Erwachsene Druck durch Noten ausüben.
    Herzliche Grüße
    Fee Czisch

  2. @Elke: Kindern mitzugeben, dass Wissbegierde etwas Wertvolles ist, hat nichts mit Museumsbesuchen zu tun. Ich denke (und das schreibst Du letztlich ja auch), es ist die HALTUNG der Bezugspersonen, die anspornt und Möglichkeiten eröffnet. Ist diese Haltung – aus Gründen, die ich überhaupt nicht werten will – nicht vorhanden, können Kinder nicht intrinsisch diesen Lernwillen entwickeln. Ich meine KINDER (nicht Jugendliche, nicht Erwachsene). Und es gibt eben Regionen auf dieser Erde, in denen die Bildungsaffinität aus den unterschiedlichsten Gründen nicht hoch ist. Das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach so. Nur ich persönlich bin glücklich, im aufgeklärten Europa aufgewachsen zu sein.

  3. Ich glaube, Kinder sind erst mal von Natur aus neugierig. Aber schon sehr schnell kann dieser wunderbare Mechanismus ins Leere laufen, wenn er nicht nur nicht gefördert, sondern geradezu abgewürgt wird. Mein Eindruck ist nämlich der, dass es heutzutage nicht nur bildungsferne Schichten gibt – die gab es zu meiner Kinderzeit auch, auch meine Eltern sind mit mir nicht ins Museum o.ä. gegangen – sondern komplett desinteressierte Menschen (um es einmal vorsichtig auszudrücken). Sie enthalten ihren Kindern nicht nur Museumsbesuche etc. vor, sondern die Teilhabe am ganz normalen Leben: miteinander einkaufen, kochen, im Garten oder im Wald unterwegs sein, gemeinsam essen und so weiter. Dabei lernen Kinder viel fürs Leben! Stattdessen werden diese Kinder vor dem Fernseher „geparkt“! Gut, dass die Kindergärten jetzt einen höheren Stellenwert bekommen! Und hoffentlich wird der Kindergartenbesuch bald Pflicht, damit wirklich auch alle neugierigen Kinder weiterhin neugierig bleiben, um dann auch von unseren tollen Bildungsangeboten profitieren können!

  4. Dein Kommentar widerspricht meiner Vermutung nicht. Sie lautet ja, dass es einer bildungsaffinen Umgebung bedarf, damit Kinder „Lust auf Lernen“ entwickeln. Auch Du sprichst ja von den europäischen Ländern. Hier gibt es dieses Klima seit der Aufklärung.
    Leider wachsen die wenigsten Kinder Afrikas in einem bildungsaffinen Umfeld auf. Und die, die ich kennengelernt und erlebt habe, haben sämtlich keinen Internetzugang, sie wären froh, wenn sie Zugang zu Strom hätten.
    Die Zahl der funktionalen Analphabeten stammt in diesem Fall aus der aktuellen Ausgabe der Zeit http://www.zeit.de/2011/15/Kommentar-Analphabeten
    Sie sind – leider – nicht neu. Der Klett-Verlag setzt sich seit Jahren intensiv und aktiv für diese Menschen ein, die quasi unbemerkt durch unser Schulsystem gegangen sind und unter ihrem Stigma leiden.

  5. Schaut man sich die Geschichte der europäischen Länder an, spricht doch sehr viel für die angeborene Lernneigung von Kindern, die durch sehr ungünstige Bedingungen zwar leider behindert und zum Erlöschen gebracht werden kann, aber keineswegs erst entwickelt und gefördert werden muß. Unsere Künstler, Forscher, Techniker, Philosophen und sonstigen Käpsele aus den vergangenen Jahrhunderten wurden in keine Museen und technischen Ausstellungen mitgenommen, weil es das in früheren Jahrhunderten noch gar nicht gab. Und die Mütter und Väter hatten anderes zu tun, als ihre Kinder ständig „zu fördern“ und zu diesem Zweck von Pontius zu Pilatus zu fahren, damit sie dort „Anregungen“ bekommen. Und trotzdem-oder vielleicht gerade deshalb- haben diese ja zu einem erheblichen Teil aus durchaus armen Verhältnissen stammenden Kinder später Räder, Glühbirnen, Motoren, Schiffsschrauben, Sextanten, Uhren, Theorien zur Relativität und zur Gesellschaft, neue Maltechniken und was sonst noch er-und gefunden. Ob die z.T. ja aus geradezu pathologischen eigenen Bedürfnissen ihrer Mütter heraus geförderten Kinder heutiger Bildungseliten ähnlich kreativ und fruchtbar werden, bleibt abzuwarten. Ich sehe jedenfalls gar nicht so generell schwarz für afrikanische Kinder, die diese natürliche neugier durchaus haben und heutzutage zudem über Internet ja auch Zugang zu Wissen haben, anhand dessen sie sich durchaus ein Fundament für ihre Fortentwicklung schaffen können.

    Mich wundert übrigens immer, woher solche Zahlen wie „7 Millionen Analphabeten“ und „13 Millionen, die nur mit MÜhe lesen und schreiben können kommen“. Wie findet man sowas raus und wer zu welchem Zweck?

← Zurück zu allen Artikeln