Mittwoch, 13. Februar 2013.Wenn gute Vorhaben scheitern…

credit: Charlotte Fischer

Was war das denn? Am 22. Mai lief in der ARD der Film „Inklusion – Gemeinsam anders“. Eine Realschule nahm zwei (!) junge Menschen mit Behinderung auf – und bot ein lehrbuchhaftes Beispiel dafür, wie gute Vorhaben scheitern können.

Was war passiert? Die Rektorin wollte Inklusion, um sich zu profilieren. Ein vorbereitender Prozess der Auseinandersetzung mit dem gesamten Umfeld – Lehrer, Eltern, Schüler, Schulamt – kam nicht zustande. Den aber braucht es zwingend, um einen breiten Konsens zu erzielen, der später auch in höchst belastenden Situationen trägt. Werden die Bedenken der Skeptiker nicht ausreichend gehört und ernsthaft besprochen, wird das gesamte Vorhaben scheitern. Das liegt aber nicht, wie man meinen könnte und wie es der Film suggeriert, am Vorhaben selbst sondern am mangelnden Commitment im Vorfeld. Sehr oft fehlt eine frühe Auseinandersetzung. Sie aber muss stattfinden, wenn außer dem Grundsatzbeschluss (hier: Inklusionsschule zu werden) noch keine unumkehrbaren Detailbeschlüsse gefasst wurden.

Es geht auch nicht um Kompromisse. Es braucht einen dialektischen Diskurs, der immer wieder danach fragt, unter welchen notwendigen Bedingungen Gegner eines Vorhabens sich doch damit einverstanden erklären können. Ein solcher Diskurs führt oft zu einem dritten Weg, einer neuen Lösung, die alle mittragen. Das ist aufwendig, und niemand sollte glauben, dass damit das Ringen beendet wäre. Immer wieder gibt es während der konkreten Umsetzung Bedenken, die ernst genommen werden müssen. Und es besteht natürlich trotzdem die Gefahr, dass ein Experiment nicht wie geplant funktioniert. Man kann nicht alles im Vorfeld wissen. Dinge entwickeln sich und sie entwickeln sich dynamisch, nicht linear. Manchmal auch chaotisch.

Schulen dürfen – und sollten – sich Unterstützung holen, beispielsweise, um Runde Tische zu organisieren. Es ist nicht verwunderlich, dass sie das eher selten tun, denn sie sind diejenigen, von denen die Gesellschaft für alle Probleme eine Lösung erwartet.

Kommentare (3)

  1. Liebe Hannelore,
    leider konnte ich diesen Film nicht sehen, habe aber zum Thema selbst sowohl eigene Erfahrungen als Mutter und Erfahrungen als Lehrerin.

    Zunächst fordert bereits der Name „Inklusion“ meine Abwehr heraus. Dieses total fremd klingende Wort suggeriert bereits eine total verschreckende Ausnahmesituation, die ein krankes Kind unter lauter Gesunden dann natürlich auch festschreibt. Wenn a l l e Kinder eines Viertels in eine Schule gehen dürften, hätte man längst einen für alle Kinder sinnvolleren Unterrichtsstil entwickelt, damit das auch klappt. „Offener Unterricht“ erlaubt allen anwesenden Kindern, alleine, zusammen mit anderen, selbstbestimmt und auf eigenen Wegen das zu lernen, was notwendig und möglich ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass alle Kinder umso intensiver und erfolgreicher lernen, je weniger sie an meinem Gängelband waren. Notwendige Informationen bekommen die Schüler durch gemeinsame „Ausflüge in die Wirklichkeit“, durch Erläuterungen der Lehrerin, durch eigene Recherche in Nachschlagewerken und gemeinsamen Anstrengungen und gegenseitige Anregungen aller anwesenden Schüler.
    Das Motto von Montessori „Hilf mir, es selbst zu tun“ muss man erweitern um die Erfahrung „Helfen macht selbstständig und klug“.

    Da kein Kind dem anderen gleichen kann, muss man von der natürlichen Unterschiedlichkeit aller Kinder ausgehen, darf also gar nicht versuchen, sie im totalen Gleichschritt pauken zu lassen.
    Diese Art von total gelenktem Frontalunterricht ist für kein Kind gut. Es würden also von einer Öffnung alle Kinder profitieren. Wenn dieser Unterricht Normalität wäre, käme man auch nicht auf die Idee, alle zur selben Zeit dasselbe abzufragen. Das macht man ja nur aus Gründen der Arbeitserleichterung. Wenn man aber jedem Kind seine Zeit lässt, dabei alles tut, um alle so gut wie möglich zu unterstützen und sie motiviert, einander zu helfen, entwickeln sich alle Kinder einer Klasse – auch kranke und behinderte Kinder – zu ihrem je persönlichen Optimum!

    In Wirklichkeit also ist es vollkommen unsinnig, kontraproduktiv und unnatürlich, dass alle anwesenden Kinder dasselbe tun sollen. Also könnte man in aller Gelassenheit auch behinderte Kinder einbeziehen – mal hilft der eine, mal die andere, mal bereichert das kranke Kind. Das würde allen auf intensive Weise helfen!! Denn emotionale und soziale Intelligenz sind ja die Grundlage für jede Art von Intelligenz. Man hätte quasi nebenbei einen unschätzbaren Beitrag zur allgemeinen Intelligenzentwicklung geleistet.
    Aber da dillettierende Politiker unsere Schulen in vollkommen unsinnige und unprofessionelle Zwänge treiben, obwohl sie keine Ahnung vom optimalen Lernen von Kindern haben, wird alles immer schlimmer.
    Ich habe die vielen Untersuchungen leider nicht präsent, obwohl ich mir dauernd vornehme, alles zu sammeln: immer mehr Kinder leiden unter Stress und Schlaflosigkeit, immer mehr Kinder fühlen sich gemobbt, immer mehr Kinder verbleiben in einer Art Analphabetismus, immer mehr Kinder werden zu Psychologen geschickt, die ihrerseits nichts anderes versuchen, als diese Kinder schultauglich zu machen. Das hilft ihnen aber nicht wirklich. Immer mehr negative bis entsetzliche Begleiterscheinungen produziert eine Schule, die immer mehr kostet, die auch immer mehr Lehrerinnen krank macht …. und so weiter …
    München, 29.5.12 Fee Czisch

  2. Vielen Dank für diesen Blog-Beitrag, Hannelore, der so richtig zu diesem Thema ist! Der mich vor allem aber berührt, weil dieser TV-Film mich in Art und Inhalt VÖLLIG irrtierte, eben „Was war das denn???“. Die ganze Zeit über mußte ich vehement meinen Fluchtreflex unterdrücken, den Fernseher auszumachen, um doch den Balkon vorzuziehen… Das einzige was mich hielt, war die Hoffnung, dass die Darstellung dieses so interessanten wie wichtigen Themas vielleicht doch noch an Qualität gewinnen könnte – vergebens, in der ganze Zeit schwankte ich zwischen Langeweile, Unverständnis und Ärger über diesen „Bilderbogen“.

    ALLE Klischees, die sonst auch andere in Schulen spielende Filme besitzen, waren hier wieder vereint: Die Rektorin, die nach Außenwirkung lechzt, die alternde Lehrerin, die kein Verständnis für den neumodischen Kram hat, der edle Ritter Lehrer, der noch dazu mit einer diffusen Ehe kämpft, die beiden bespielhaft Behinderten, von der eine erst so kratzbürstig war, dass das gute Ende bald nahen musste, die um Korrektheit bemühten Einwanderereltern, die überforderte Mutter und natürlich die Jungendbedrohung im Hochhausviertel usw. Nicht zu vergessen die Geld-arme Schule an sich und der immer wieder zu glücklichen Film-Enden führende Theaterkurs – eine schli/echte Kopie von Simon Rattles „Rhythm is it!“…

    Aber warum? Und wofür? Das war m. E. eine austauschbare Gestaltung! Warum nicht viel mehr Konzentration auf DIESES Themas statt wieder mal alles unterbringen zu wollen? Das Thema ist eben so wichtig und bedarf, wie von Hannelore geschildert, differenzierten Diskurs und Gespür für alle/von allen Beteiligten, noch dazu m.E. die breite Öffentlichkeit kaum den Unterschied zwischen Integration und Inklusion kennt. Und der Mittwoch Abend Sendeplatz ist doch eigentlich immer wieder der „Raum“ für die nicht ganz so einfachen Themen.

    Schade drum, – vor allem schadet es der Inklusion! – und das im Öffentlich-Rechtlichen. Es machte nicht den Eindruck, als hätte man vorher mal die gefragt, die sich auskennen…

  3. Liebe Hannelore,

    meine Güte, bin ich Dir wieder mal dankbar für diesen Kommentar. Du sprichst mir so sehr aus der Seele. Es ist immer wieder das Gleiche. Es werden nicht die Prozesse analysiert, warum die guten Dinge scheitern. Und Du hast einen Grund sehr genau beschrieben. Wer eine Inititative für die eigenen Profilierung mißbraucht, mißbraucht die ganze Idee. Es gibt viele Beispiele, die deshalb in die Binsen gingen und dann für die Gesellschaft ein für alle Mal diskreditiert sind. Deshalb muss man mit Idee und Umsetzungen, sehr, sehr vorsichtig umgehen. Die Medien helfen oft nicht, sondern sind eher kontraproduktiv. Liebe Grüße
    Elke

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