Dienstag, 29. September 2015.Was ist ein fairer Preis?

Auf dem Weg von der U-Bahn nach Hause überfällt mich unstillbarer Heißhunger auf Pizza. Es ist nach 20 Uhr, mein Biomarkt geschlossen, der normale Supermarkt die Rettung. Ich wähle aus der Tiefkühltruhe die „Top-Marke“ (wirbt der Aufkleber) mit dem üppigsten Belag, den ich finden kann und fasse es nicht: Diese Pizza kostet gerade einmal 1,79 Euro! Wie geht das? Und: Will ich das?

In der U-Bahn-Station wirbt ein Plakat für eine „Daunenjacke“ zum unanständigen Preis von 19 Euro. Eine andere Kette bietet an: Boots für 16 Euro oder ein Unterwäsche-Set für 4 Euro. Auf der Website findet man die Gründe, warum die Ware so billig ist (dort steht „preiswert“, aber das ist es nicht): „Wir geben kein Geld für auffällige Werbung aus“, „Wir erteilen unseren Lieferanten Großaufträge“ und „Wir gestalten und produzieren effizient“. Effizient? Mich würde interessieren, was denn damit wohl genau gemeint ist, finde aber nur Allgemeinplätze. Ich beschließe also nachzufragen, ob von diesen effizienten Löhnen alle Beteiligten menschenwürdig leben können, was geschieht, damit ihre Gesundheit nicht gefährdet ist und die Umwelt keinen Schaden nimmt. Dasselbe würde ich übrigens bei der Pizza auch gern wissen, aber ich kann’s mir denken. Schließlich war es keine faire Bio-Pizza mit Schinken von glücklichen Schweinen. Fair hingegen fand ich die 48 Euro für biologisch und fair produzierte Unterwäsche-Sets, handmade in Berlin, die ich am Wochenende entdeckt habe.

„Billig“ ist eine Konsumdroge. Wir sind abhängig und konsumieren wie im Rausch – und betrügen uns selbst! Eine Daunenjacke für 19 Euro?? Wo sie hergestellt wurde, erfährt man nicht, dafür erfährt man, dass sie zu 100% aus Polyamid besteht – einschließlich der „Daunen“!

Zeit für einen Entzug.

Kommentare (3)

  1. Es ist richtig. Dinge haben ihren Wert und deshalb auch ihren Preis. Arbeit hat ihren Wert und sollte deshalb auch entsprechend honoriert werden. (Nicht immer lässt sich der hohe Preis auch tatsächlich mit einem hohen Wert verbinden, aber das ist eine andere Sache). Gesellschaftlich spannend wird es beim Blick auf Vermögensfolgen von „billig“. Die Aldi Brüder zählten zu den reichsten Deutschen. Milliardenschwer. Sie haben rigoros Arbeitsplätze und Lohnkosten eingespart. Billig lockt. Amazon wirbt mit „billig“ und bezahlt auch die Mitarbeiter in der „billigsten“ Lohngruppe. Ikea hat auch den Ruf eines „billigen“ Möbelhauses. Ikea zahlt seine Steuern im „billigen“ Luxemburg, nutzt aber die infrastrukturellen Angebote unserer Gesellschaft. Billig hat seinen Endpunkt in prekären Arbeitsverhältnissen. Wir reden von den den sogenannten Billiglohnländern. Billig produziert viel Armut. In der Masse heißt „billig“ aber: immer mehr Reichtum für immer weniger Menschen.

  2. Ja liebe Hannelore, so ist das mit Anspruch und Wirklichkeit. Das begegnet uns laufend und überall. Bei der Kleidung, beim Essen, beim Urlaub machen und selbst im Miteinander. Wie bekommt man das also hin – ohne erhobenen Zeigefinger – ohne sich selbst zu betrügen. Ich glaube es wäre schon sehr hilfreich, wenn jede/r beim Einkaufen nachdenkt. Ich persönlich habe mir angewöhnt, da wo mir der Preis viel zu billig erscheint (etwa beim Metzger oder Gemüsehändler) nachzufragen ob es auch eine qualitativ bessere Ware zu angemessenen Preisen gibt. Das hat z.B. dazu geführt, dass unser Edeka nun etwa Ziegenkäse aus Weil im Schönbuch oder Lamm vom Wanderschäfer auf der Schwäbischen Alb einkauft. Und ich habe mir noch nie angewöhnt beim Discounter zu kaufen. Es gibt die alternativen Angebote.

    Kürzlich habe ich was sehr Wahres gelesen: Da schreibt Marie Jane Butter (organic farmer): I think we need to take back our language. I want to call my organic carrots „carrots“ and let (other farmers) call theirs a chemical carrot. And they can list all of the incredients that they used instead of me having to be certified. Wenn wir das bei allen Produkten hätten – auch bei Kleidung …

  3. Ein sehr guter Beitrag! Dazu fällt mir eine Romanstelle ein, die ich neulich gelesen habe und dir mir zu denken gab: sinngemäß stand da, dass reiche Menschen Dinge kauften, die im Wert steigen würden und arme solche, die im Wert fallen. Das hängt mit dem von dir Gesagten zusammen: Wenn ich mir weniger kaufe – und das zu einem ‚preiswürdigen‘ Preis, dann habe ich etwas Wertvolles im besten Wortsinne erstanden.
    Kaufe ich dagegen immer nur billig, billig, dann hat am Ende keiner etwas davon: schlechte Löhne, unwürdige Arbeitsbedingungen, niedrige Gewinnmargen (nur durch Masse wird hierbei Gewinn erwirtschaftet!), schlechte Qualität. Wie meist: weniger ist auch beim Konsum mehr.
    Noch ein Nachsatz. Peters Opa hatte wohl die Lebensmaxime: ‚Billig kann ich mir nicht leisten!‘ Billig sollten wir uns alle nicht leisten!

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