Dienstag, 19. Oktober 2010.Verliebt in Werkzeuge

Gerade reden alle über social media. Jeder will, jeder MUSS dabei sein. Facebook, MySpace, Twitter, MeinVZ und wie sie alle heißen scheinen DAS Kommunikationsmittel schlechthin zu sein. Die „Werkzeugverliebten“ versuchen mir einzureden, wir alle müssten in diesen virtuellen sozialen Netzwerken aktiv sein, dann würden wir berühmt, wichtig und, nicht zu vergessen, reich.  Auch Unternehmen sollten unbedingt in social networks mitmischen, wollen sie überhaupt noch wahrgenommen werden.

Dagegen ist natürlich überhaupt nichts einzuwenden, im Gegenteil, insbesondere in der internen Kommunikation können Blogs oder Wiki richtig klasse sein. Aber mich irritiert, dass in diesem Hype so gut wie keine Reflexion über Inhalte stattfindet. Das Werkzeug scheint der Inhalt zu sein. Und für meinen Geschmack wird zu wenig über Zielgruppen gesprochen. Die reagieren nämlich extrem sensibel.

Das Werkzeug allein ist eben nicht der „Erfolgsknopf“, der alles möglich macht. Nach wie vor oder mehr denn je – weil die Möglichkeiten immer vielfältiger werden – sind ausgeklügelte Konzepte nötig, die das gesamte System „in Gang setzen“ und zu den Empfängern passen. Egal, ob im Fundraising, in der (internen) Unternehmens-, Organisations- oder Schulkommunikation.

So wie nämlich ein Logo noch lange kein Erscheinungsbild ist, sind Facebook oder Blogs noch lange keine gute Kommunikation.

Um im Bild zu bleiben: Auch social media ist nur ein Zahnrädchen in einem komplexen System. Und Zahnräder, die nicht ineinander greifen, hinterlassen nur Datenmüll – wenn es gut läuft. Aber großes Misstrauen, wenn es schlecht läuft.

Kommentare (6)

  1. Mir ist unverständlich, mit welcher peinlichen Selbstverliebtheit Menschen andere an intimen und doch vielfach so belanglosen Details teilhaben lassen. Scheint fast wie eine Droge, man taucht rein und denkt nicht mehr wirklich nach. Aber bekanntlich gehören dazu immer (mindestens)zwei… Schnelle Kommunikation über Emails ist sicher ein großer Fortschritt für den schnellen Informationsaustausch. Bei der privaten Kommunikation geht doch nachwievor nichts über das persönliche Gespräch oder einen handgeschriebenen Brief.

  2. Liebe Hannelore, Deine Klage wird ja häufiger geäußert. Aber woher kommt denn das „MUSS“ von dem Du schreibst? Wer sagt wem, dass „man“ „dabei sein“ „muss“?

    Außer sog. Social-Media-Beratern, deren Job darin besteht, so etwas zu sagen, finde ich kaum Menschen, die diesen Standpunkt vertreten.
    Die klassischen Medien nicht, im Gegenteil, die verhalten sich da sehr kritisch.
    Die Bildungswelt auch nicht, auch hier würde ich eher sagen: im Gegenteil.
    Von der Politikwelt ganz zu schweigen. (Obwohl ich die noch für die twitter-interessierteste Gruppe jenseits des Marketings halte.)
    Die Twitterwelt selber? Die Leute, die dabei sind, werden vermutlich als erstes die Möglichkeiten sehen, sonst würden sie das ganze ja nicht betreiben. Aber die Social-Media-Welt beschäftigt sich ja stark mit sich selber, da ist viel selbstreferentiell.

    Also, woher kommt das Gefühl, dass man „dabei sein müsse“?

    (Beim Durchlesen merke ich gerade, dass ich dieses PS anfügen sollte: Meine Frage ist rein sachlich gemeint. Ich suche tatsächlich die Quellen, aus denen sich das offensichtlich vorhandene Gefühl speist.)

    • Das „Muss“ bezieht sich in der Tat auf die Flut von Mailings, die ich momentan von Seminaranbietern bekomme. Auch die Artikel, die dazu veröffentlicht werden und die Vorträge, die ich dazu gehört habe, beschäftigen sich ausschließlich mit der Technik, nicht aber mit sinnvollen Inhalten oder gar Zielgruppen.
      Ich selbst bin insbesondere gegenüber der internen Internetkommunikation durchaus positiv eingestellt – sofern sie Teil eines Gesamtkonzeptes ist und sofern diese hierarchiefreie Kommunikation nicht die Unternehmenskultur sprengt.

  3. Okay, aber wie gehst Du mit der professionellen Nutzung um – abgesehen von der privaten? Interessante Diskussionen zu einem guten Thema wären doch als Blog richtig gut, oder? Vielleicht auch das Posten wichtiger Termine über eine Gruppenseite … Darüber sprechen wir beim nächsten Treffen 😉

  4. Ganz meiner Meinung – die Vielzahl an Instrumenten macht noch keine gute Kommunikation aus. Auch hier ist weniger manchmal mehr. Aber es ist leider viel mühsamer guten Dialog zu initiieren, als eben mal auf den neuesten Hype aufzusetzen und altbekannte Botschaften zu verkünden. Aber ich sehe einen Silberstreif am Horizont. Die Vorreiter haben erkannt, dass nach dem Info-Überload, Orientierung und Wertekommunikation wieder gefragt ist. Und dabei helfen die neuen Medien im Social Web natürlich auch.

  5. Wie gehabt – ganz meine Meinung!! Nur der bewusste Umgang mit Medien bringt uns im Beruf, in der Schule und im Leben weiter. Als mündiger Bürger wähle ich gezielt das Werkzeug oder das Medium aus – nach dem Inhalt, nicht weil es gerade hip ist. Und Dinge, die mich berühren, bespreche ich mit Freunden, Bekannten, Familie persönlich. Zu mehr social live habe ich eh keine Zeit. Und keine Lust!

← Zurück zu allen Artikeln