Donnerstag, 09. Oktober 2014.Transformation by design or desaster

Foto: Lea Nieschmidt

Das neue Buch von Bernd Sommer und Harald Welzer will „Wege in eine zukunftsfähige Moderne“ aufzeigen. Nicht neu, aber in dieser Klarheit mal wieder ernüchternd ist unsere Wahlmöglichkeit zwischen Transformation by design or by desaster. Unser derzeit dominantes Wirtschafts-, Gesellschafts- und Kulturmodell verändert sich – ob mit oder ohne uns, und so richtet sich die Aufforderung der Autoren, diesen Prozess zu gestalten denn auch „nur“ an die westlichen Industrienationen. Sie maßen sich nicht an, den Schwellen- und Entwicklungsländern vorzuschreiben, welche Fehler sie nicht machen dürfen. Wohltuende Beschränkung auf die Selbstverantwortung der Industrieländer und auf das Machbare.

Überzeugend sind ihre Argumente für die Notwendigkeit des Wandels unseres gesamten Gesellschaftssystems. Wollen wir als Demokratie überleben, müssen wir unsere zivilisatorischen Grundwerte in eine transformierte Zukunft retten, sie also schützen und bewahren bei gleichzeitigem Verzicht auf Wachstum. Diese Herausforderung ist gewaltig, denn bisher gehen wirtschaftliche und zivilisatorische Entwicklungen Hand in Hand. Es gibt, so die Autoren, kein Land mit demokratischen Strukturen, das wirtschaftlich nicht erfolgreich ist.

Die Kunst wird also letztlich sein, unseren Antrieb nach „immer mehr“ zu bremsen. „Immer mehr“ heißt heute, so Sommer und Welzer, schon nicht mehr „Konsum“ sondern „Kaufen“, denn wir kaufen inzwischen so schnell Neues, dass wir das Alte nicht mehr konsumieren können.

Auch in der Ökonomisierung von Allgemeingütern (wie Luft), z.B. durch Emissionshandel, sehen die Autoren keine Lösung. „Wieso sollte ein hochkomplexes System, das … bereits in Europa versagt hat, gerade unter Einbeziehung von … Burkina Faso, Honduras oder Pakistan … funktionieren“?

Und auch einer weiteren Ökonomisierung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse erteilen sie – im Gegensatz zu Pavan Sukhdev in seinem Buch Corporation 2020 – eine Absage. „Klebt erst einmal ein Preisschild auf einer „Ökosystemdienstleistung“, soll folgerichtig für ihre Inanspruchnahme – wie … das Atmen frischer Luft – gezahlt werden“. Ein Ausschlusskriterium für Viele.

Der Nordhalbkugel-Mensch ist auf Fortschritt programmiert. Unablässig tüftelt, forscht, probiert und erfindet er Dinge, Prozesse, Verhalten, die das Leben verbessern oder erleichtern. Wenigstens vermeintlich. Die große Herausforderung wird darin liegen, diesen „Urtrieb“ umzulenken auf … ja was? Denn das, womit der „homo investigativus“ die Transformation bewältigen will, mit „grünem Wachstum“ nämlich –  nach dem Motto „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“ – funktioniert nicht. An Verzicht führt wohl doch kein Weg vorbei.

Ein ehrliches Buch mit bedenkenswerten Thesen.
„Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne“
Bernd Sommer/ Harald Welzer
236 Seiten, 20,60 Euro
Erschienen im oekom-Verlag

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