Mittwoch, 16. Januar 2013.Positive Pädagogik

credit: Charlotte Fischer

Gerade ist das Buch „Positive Pädagogik“ des Erziehungswissenschaftlers und unerschütterlichen Optimisten Olaf Axel Burow erschienen. Nach der Lektüre musste ich dem Autor, den ich seit vielen Jahren gut kenne, folgendes dazu schreiben:

Sie selbst stellen resigniert fest, „dass die Misere des öffentlichen Bildungssystems seit Jahren bekannt und in vielen Aspekten untersucht ist, ohne dass die Erkenntnisse einen entsprechenden Wandel zur Folge gehabt hätten“.

Warum wird jemand in voller Kenntnis der Misere unseres Bildungssystems überhaupt noch Lehrer? Wieso sind sie uns nicht längst ausgegangen? Lehrer wird, wer dieses System in Ordnung findet, wer Sicherheit, hohes Einkommen, eine gute Pensionen, Kontinuität und Planbarkeit sucht.

Lehrer gehören, wie Ärzte und Anwälte, zu den besserwissenden Berufen. Warum sollten ausgerechnet sie sich von anderen, beispielsweise Ihnen, „belehren“ lassen, um ihre Schule zu verändern? Meine Erfahrung ist, sie lassen sich ungern in die Karten schauen. Ich kenne kaum eine Berufsgruppe, die ähnlich arrogant und verletzend miteinander umgeht.

Ich fürchte, dass dieses System nicht wirklich durchbrochen werden kann, weshalb, lieber Herr Burow, leider auch Ihr wunderbares Buch nichts verändern wird.

Seine Antwort:

Dank für die Rückmeldung! Wahrscheinlich haben Sie in weiten Teilen recht, und nach 40 Jahren Beschäftigung mit Pädagogik frage ich mich auch manchmal, warum ich nicht einen vernünftigen Beruf ergriffen habe.

Aber Frust beiseite: Trotz meiner 60 Jahre bin ich noch immer vom „Prinzip Ermutigung“ Robert Jungks beflügelt und werde darin auch gar nicht so selten bestätigt: Wenn es gelingt, Lehrer, Eltern und Schüler gemeinsam über Schule nachdenken und sogar visionieren zu lassen, dann kommt nach meiner Erfahrung, selbst in festgefahrenen Kollegien gar nicht so selten erstaunlich Vernünftiges dabei heraus, und manchmal ändert sich sogar was.

Aber richtig ist, dass zu viele meiner Studierenden schon früh überangepasst sind und in Ruhe gelassen werden wollen: Typische Äußerung in der Vorlesung: „Warum stellen Sie uns immer solche unrealistischen Ausnahmeschulen vor und keine Normalschulen?“ Die Lehrerrekrutierung ist das ungelöste Problem: Wir lassen zuviel Ungeeignete in den Beruf. Die Lehrerausbildung ändert daran leider fast nichts.

Allerdings gibt es einen kleinen Kreis hoch Engagierter, die schon heute tolle Schulen machen – und zu deren Ermutigung schreibe ich wohl – die anderen erreiche ich ohnehin nicht.

In dieser Nische lebt es sich durchaus passabel – ich sammele die positiven Beispiele. Seitdem finde ich immer mehr „gute Schulen“ und bin durchaus optimistisch, dass der eine oder andere ermutigt wird, mit den Konventionen zu brechen, denn die Beispiele zeigen: Mit einem engagierten Team ist selbst unter schwierigen Bedingungen fast alles möglich!

1 Kommentar

  1. Ich erinnere den Kommentar der Grundschullehrerin meines Sohnes vor ca. 20 Jahren, als ich begeistert von ihrer ungewöhnlichen Arbeit (in einer ganz „normalen“ Schule!) fragte, ob sie denn keine Schwierigkeiten mit der „Obrigkeit“ bekäme, wenn sie so frei mit den Kindern umginge: „Ach wissen´s Frau Strack, ich mach des jetz scho seit 30 Jahren so, bei mir ham´s alle Lesen und Schreiben g´lernt und ausserdem bin ich verbeamtet, unkündbar und kann ja machen, was ich will! Sie glau´m gar net, wieviele Nischen es in dem g´schissnen System gibt – die muß ma bloß seng und nutzn!“ In diesem Sinne: let´s nisch on!

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