Mittwoch, 24. Juni 2015.Herrn Bergers Leidenschaft für Knöpfe

Kurzwaren Berger ist eine Institution in Stuttgarts bester Einkaufslage. Es gibt ihn seit sage und schreibe 95 Jahren, seit 36 Jahren ist er am selben Standort. Wer näht, liebt diesen Laden. Die Beratung ist exzellent, man findet Zubehör und Accessoires in unbeschreiblicher Vielfalt: Bänder und Spitzen, Reißverschlüsse, Haken und Ösen, Futterstoffe und Knöpfe, Knöpfe, Knöpfe. Ich wollte wissen, wieso dieses Unternehmen noch immer existiert. Ich bin gescheitert. An den Knöpfen.

„Der“ Berger ist ein déja-vu mit den 1950ern. Unverfälscht und originell. Abgesehen von ein paar neueren Präsentations-Möbeln für das Sortiment ist alles im Stil dieser Zeit: In Holztresen mit Glas-Abdeckung präsentiert Berger seine Gürtelschnallen, die Knöpfe nicht in Plastikröhrchen sondern in breiten, schweren Holzschubladen, die in großer Zahl vor der Kundin ausgebreitet werden. Durchschreibeblock statt Registrierkasse, Fax statt Computer. Obwohl: Irgendwo muss es einen geben, denn es gibt so etwas wie eine Website – und eine Mailadresse. Ach ja, vor 20 Jahren, sagt mir Herr Berger Junior, wurde der Slogan geändert, um das Angebot niederschwelliger zum machen. Er heißt nun „Alles zum Nähen und Schneidern“ (Hobby-Kunden) statt „Alles für das Schneidern“ (Profi-Kunden). Der Schriftzug „A. Berger“ blieb unverändert. Kein Problem, weil seit drei Generationen die Vornamen der männlichen Bergers mit „A“ beginnen.

Ich wollte also wissen, was Berger erfolgreich macht. Erster Anlauf: „Was unterscheidet Ihr Angebot denn von dem der Konkurrenz?“ „Wir haben immer die neuesten Kollektionen… Aber schauen Sie hier: ein Artikel über unsere Button Show. Wir haben sie Ende letzten Jahres zum ersten Mal durchgeführt. Der Laden war voll!“ Nächster Anlauf: „Dann fahren Sie auf Messen, um sich über die neuesten Kollektionen zu informieren?“ „Nein, die Vertreter kommen zu uns. Nur die Knopf-Hersteller besuche ich persönlich“. Damit war er wieder beim Thema seiner Leidenschaft. Ich war durchaus beeindruckt von den Schätzen, die er vor mir ausbreitete. Bis jetzt wusste ich nichts darüber, wie Perlmutt- oder Hornknöpfe hergestellt werden. Trotzdem machte ich noch einen Versuch: „Können Sie mir sagen, wer sich um … kümmert?“ Statt einer Antwort verschwand Herr Berger und kam zurück mit ausgestanzten Muscheln und Büffelhörnern. „Unsere Button Show war ein großer Erfolg. Wir wollen das wiederholen. Sehen Sie … das sind Kunstwerke.“ Herr Berger verschwand erneut im Laden, um den nächsten Kasten mit noch ungewöhnlicheren Exemplaren zu holen. Ich gab auf und wollte wissen: „Wo verwendet man solche phantastischen Einzelstücke?“ Ich erfuhr: auf Taschen oder Strickjacken …

Wirklich, ich war beeindruckt. Aber meine Frage, wie man mit dem Verkauf solcher Einzelschätze überleben kann, blieb unbeantwortet. Hinterher war ich so schlau wie vorher: Die Immobilie ist im Besitz der Familie, die Beratung exzellent, das Angebot extrem fokussiert. Mit „Schnick-Schnack“ befasst sich Berger nicht. Aber immerhin weiß ich jetzt, wie Horn- und Perlmuttknöpfe hergestellt werden. Vielleicht besuche ich Herrn Berger ja ein zweites Mal …

 

Kommentare (7)

  1. Achjaja – die Bergers – mein liebster Krämerladen. Genau so wie beschrieben!
    Mit meinen Modeschüler/-innen pilgere ich immer einmal in diese Welt der Kurzwaren und des schneidernotwendigen Krimskrams.
    Weil man dort eben all das findet, was in den Stoffläden nur gelegentlich anzutreffen ist: nämlich schneidernotwendiger Krimskrams – aber eben von Qualität. Da ist das Bedauern groß, wenn der Garnhersteller die Knopflochseide nur noch in eingeschränkter Farbpalette anbietet oder den Dominator ganz einstellt …
    Und, wie bereits erwähnt, modischen Schnickschnack, saisonbedingte Modeartikel oder Stoffe sucht man vergebens. Und genau deshalb rechnet sich der Laden:
    Weil dort nichts modebedingt veraltet, nichts als Sonderangebot verramscht werden muss, nur das notwendigste Inventar seit Jahrzehnten Beständigkeit und Beschaulichkeit repräsentiert, die Preise – anders als die Lage vermuten lässt – solide und nicht überteuert sind und weil man gewiss nichts aufgeschwätzt und auf seine Fragen eine gescheite Antwort bekommt …
    Ich bewundere immer wieder schmunzelnd die Erfolgsgeschichte der Bergers.

    Ich könnt ja noch mehr erzählen, aber alles Wesentliche ist gesagt – und ich respektiere gerne A.Bergers schwäbischen Understatement.
    Nur so viel: Man würde sich sehr wundern!

  2. Liebe Frau Ohle,

    das ist ja ein bemerkenswerter Laden. Ich kenne ihn noch nicht – da ich gerade mit meinen Kids zwangsweise das Nähen entdeckt habe (was man als Mutter nicht alles so lernen muss), werde ich den netten Herren sicher mal beehren.
    Vielleicht muss der Laden ja gar nicht wirtschaftlich sein, sondern kann als Leidenschaft betrieben werden….

    Viele Grüße
    Irena Bauer

  3. Liebe Hannelore, was für ein schönes, leidenschaftliches Plädoyer für das Understatement. Die Farben, die Du da eingefangen hast, sind dennoch schillernd. Meine Mutter hatte eine Knopfsammlung, die ich geerbt habe. Und in Orion bewahren wir auch seltene Knöpfe aus den vergangenen Epochen. Einzelstücke, die sicher etwas zu erzählen haben. Ach, wie wenig beachtet man den Knopf, der doch alles zusammenhält.
    Und gab es nicht sogar mal einen Film, der hieß : Der Krieg der Knöpfe ? Ich bin für eine Revitalisierung der Knopfleistung. Ich nehme also gerne Kristins Vorschlag auf, lass uns einen Knopfiade organsieren. Und Geschichten dazu erzählen.

    Elke

  4. Liebe Hannelore,

    sehr schön Deine Kurzwaren-Recherche… 😉 Schon das Wort „Kurzwaren“ liebe ich wegen seiner Antiquiertheit!

    Familie Berger hat mich sofort an sein Frankfurter Pendant „Wächtershäuser“ denken lassen, das es – wie ich grad recherchierte – immerhin schon seit 1839 gibt und in dem ich auch gern stöbere. Sie haben eine Naehzutaten.de-Website, die Einrichtung ist nicht mehr aus dem 19. Jahrhundert, wird in seinem etwas angestaubten Charme eher dem der Familie Berger entsprechen.

    Aber ich denke, für beide gelten gleiche Erfolgs(wie hoch auch immer der sein mag!)rezepte: Entgegen klassischer Kostenleistungsrechnungen auch kleinteilige, unique Dinge/Kostbarkeiten im Sortiment zu haben, die man wirklich nirgends sonst in den immer gleichförmiger werdenden Großinnenstädten erhält und die sie zu wahren EINZELhändlern machen.
    Außerdem viel Liebe und echte Begeisterung fürs eigene Geschäft – wer erklärt Dir heute noch wie ein besonderes Produkt entsteht?!? Und darüber hinaus die ebenfalls Erfolg liefernde Authentizität – wir schmunzeln zwar über die biedere Einrichtung, die uns ja aber doch „irgendwie“ Kompetenz im Thema vermittelt, uns das Vertrauen gibt, für unsere Wünsche am rechten Ort zu sein. Das gelingt doch kaum einem der kunstvoll wie künstlich geplanten Shoppingeventszenarien…

    Wie schade für uns, dass es nicht so viel Läden mehr von der Sorte gibt.

    Viele Grüße! Nicola

  5. Liebe Hannelore,

    das Lesen Deines Blogs habe ich mir aufgehoben und jetzt genossen. Ja, ich sehe mich auch im Geiste in diesem ehrwürdigen Ambiente …
    In der Tat, wie einer Deiner Kommentator/innen gesagt hat: man kann sich einfach dran freuen.
    Wir haben in Syke einen kleinen Laden, der nennt sich Hanny Stuckenschmidt. Inhaberin ist längst wer anders, die Tradition ist lang. Es gibt auch Strickanleitungen, Wolle und Socken. Aber eben auch die Kurzwaren und die Knöpfe. Sowas Schönes wie Zackenlitze oder Gummibänder mit Knopflöchern. Frauen unserer Generation und auch einige bedauernswerte ehemalige Jungs erinnern sich noch an die langen wollenen Strümpfe, die mit Knöpfen versehen an die Leibchen geknöpft werden mussten, mit Hilfe eines Knopflochgummibandes …
    Auch ich fragte mich, wie dieser Laden überlebt, aber wie oben angedeutet: man würde sich vielleicht wundern ..l.

    Viel Spaß beim Nähen und Assecoirs Aussuchen
    liebe Grüße
    Gertraud.

  6. Ach wie schön hast Du das eingefangen!
    Liebe Grüße,
    Anne

  7. Liebe Hannelore,
    das ist wieder ein schöner Artikel und da ich das Geschäft gut kenne und natürlich liebe, bin ich ganz begeistert, dass Du darüber schreibst.
    Ja aber wovon lebt Familie Berger? Ich glaube, in diesem Laden wird einerseits doch ganz schön viel umgesetzt und andererseits redet der Schwabe ansich wohl nicht so gerne über Umsatz und Wirtschaftlichkeit. Freuen wir uns also weiterhin an der guten Beratung und den vielen vielen verschiedenen Artikeln sowie dem schönen Ambiente.
    Sind manche Knöpfe nicht auch wie kleine Skulpturen, die eine Ausstellung verdienen würden? Und bei der Kunst fragen wir uns nicht, ob sich das rechnet.
    Kristin

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