Mittwoch, 05. Dezember 2012.Gesellschaftliche Teilhabe: Wir brauchen einen Perspektivwechsel bei der Inklusion

In der FAZ listete Heike Schmoll hinlänglich bekannte Argumente dafür auf, warum die inklusive Schule nicht funktioniert. Heißt das jetzt, weil die Verwaltung sich in der momentanen Startphase schwer tut mit dem Transfer in den Alltag, dass Inklusion nicht funktionieren kann?

Fakt ist: Deutschland hat die Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Und Eltern, die sehr wohl wissen, was gut ist für ihr Kind, nutzen verstärkt die Möglichkeit, ihr Kind an einer „normalen“ Grundschule anzumelden. Nun gibt es die ersten Kinder mit Behinderungen an den Schulen und es gibt Startschwierigkeiten. Und was passiert? Anstatt mit der Vision einer anderen Gesellschaft vor Augen gemeinsam nach Lösungen zu suchen (und dabei Stolpersteine und laufende Korrekturen einzukalkulieren), beginnt nicht nur die Suche nach Schuldigen sondern es wird auch so getan, als würden scharenweise schwerst mehrfach behinderte Kinder von den Sonderschulen auf allgemeine Grundschulen wechseln.

Das wunderbare Buch „Inklusion vor Ort“, das viele vorhersehbare Stolpersteine beschreibt, fordert die Beteiligten auf, sich kritisch zu fragen: „Betrachten Sie Inklusion als eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe oder als ein Problem, das es zu lösen gilt?“

Woher nur kommt diese Angst vor Inklusion? Sie ist doch kein Zwang! Die Möglichkeiten von Menschen mit Behinderungen sollten sich nicht von denen unterscheiden, die Menschen haben, die keine Einschränkungen haben. Kann man dagegen ernsthaft etwas haben?

Menschen mit Handicap gehen uns alle an, weil sie nicht allein Kinder ihrer Eltern sind sondern Teil unserer Gesellschaft!  Wir sollten Kinder, die dazugehören wollen, nicht ausgrenzen, sondern ihnen und uns die großartige Chance bieten, voneinander zu lernen! Jeder, der je mit behinderten Menschen zu tun gehabt hat, weiß, was ich meine.

Kommentare (3)

  1. Schon die Wortwahl soll suggerieren, dass es sich dabei um ein großes Problem handelt! Den Begriff „Inklusion“ versteht ja nur jemand, der mal Latein gelernt hat: cludere heißt schließen; excludere also ausschließen und includere mit einschließen. Wer oder was soll eingeschlossen werden??
    Kinder sind immer Kinder, ob sie nun gesund oder krank sind. Wenn man sich endlich dazu durchringen könnte, den Unterricht so zu gestalten, dass
    alle Kinder auf ihre ganz spezielle Lernweise lernen dürften, wäre für alle Platz; natürlich nicht für Schwerstbehinderte, die ständig Pflege brauchen. Die wären sicher überfordert und überforderten die übrigen Kinder und LehrerInnen. Um die geht es ja aber nicht.
    Dass sich jedoch ein derartiges Panikgeschrei erhebt, kann ich gut verstehen. Da unsere Art Unterricht zu gestalten, darauf beruht, alle gleichzeitig zu belehren, stören die Schnellen und die Langsamen! Deswegen sondert man doch ständig alle Arten von Kindern aus, die „nicht passen“.
    Während eines Unterrichts, der auf dem gemeinsamen Abarbeiten eines detaillierten Wochenplans beruht, der wiederum in kleinste Einheiten von Stunden mit unzähligen „Arbeitsblättern“ aufgeteilt ist, kann kein Kind seine Fähigkeiten entfalten.
    Erfolgreich absolviert ein Kind dann diese Planschule, wenn es nichts anderes denkt als vorgesehen ist und genau das Tempo einhalten kann, das eingeplant ist. Querdenker, Tüftler, Kreative und Verträumte stören die strikten Zielvorgaben dieser Schule. Und selbstverständlich stören auch Kinder, die vielleicht auch nur zunächst langsamer sind oder aus diesem oder jenem Grund abgelenkt.

    Die hohe Kunst erfolgreichen Lehrens braucht alle Kinder, die da sind!! und macht das Beste aus der Vielfalt von Temperamenten, Vorstellungen und Lebenssituationen. Das geht und dient allen!!
    Aber das geht natürlich nicht, wenn wir weiter die Tage in 45 Minuten einteilen, das Klassenlehrerprinzip missachten, das für die Kleinen so ungemein wichtig ist: eine Lehrerin/ein Lehrer den ganzen Vormittag; höchstens Religion darf von einer fremden, aber unbedingt zugewandten und kreativen Person unterrichtet werden. Und das geht natürlich nicht, wenn Lernen aus Auswendiglernen besteht und alles mit einer Note bedacht wird!

    Das stresst alle: Kinder, Eltern und Lehrerinnen.

    In einer guten, d.h. kindgerechten „Schule für alle“ setzt man aufs Gelingen, lässt den Kindern Zeit, fördert ihre Kreativität. Das geht dann, wenn Kinder auf ihre kindliche Weise lernen dürfen. Nicht Angst vor dem Fehler und Drohungen aller Art bringen exzellente Leistungen hervor. Vielmehr verführen die immense kindliche Lust am Handeln; ihr großes Interesse an den Dingen der Welt; ihre Kreativität und ihr Tatendrang die unterschiedlichsten Kinder, so viel wie möglich von- und miteinander zu lernen.
    Diese Vorstellung scheint deshalb so utopisch, weil sich Schulen bei uns seit Jahren in die falsche Richtung bewegen, seit PISA nur auf die internationalen Vergleiche starren und einfach nicht sehen wollen und können, dass die besten Schulen Europas genau das machen!

  2. Liebe Hannelore,
    Du hast vollkommen Recht, besonders gefällt mir der Satz „Menschen mit Handicap gehen uns alle an, weil sie nicht allein Kinder ihrer Eltern sind sondern Teil unserer Gesellschaft!“ – in der Praxis siehts wie gesagt anders aus. In unserer Grundschule im Ort wurde in diesem Jahr zum 1. Mal eine „gemischte Erstklässler-Klasse“ angeboten, nur sehr wenige Eltern von Nichtbehinderten-Kindern haben dieses Angebot wahrgenommen. Die Unsicherheitsfaktoren (es gibt noch keine Erfahrungswerte) waren den meisten zu hoch – bin gespannt obs in den kommenden Jahren besser wird.

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