Mittwoch, 11. Dezember 2013.Fünf Tonnen pro Tag frei Haus

Ich sag’s gleich: Selbstverständlich kaufe ich Dinge im Internet. Amazon meide ich aber wo immer möglich, weil das Unternehmen in Luxemburg sitzt und keine Steuern zahlt. Bei einem Umsatz von 17,1 Mrd. Euro ist das schlicht unanständig. Es soll hier aber weniger um Amazon als um alle Internethändler gehen, die, so wie Amazon auch, ihren Kunden die besten – heißt: billigsten – Angebote machen wollen (Leitbild Amazon). Das bedeutet: Sie liefern die Ware (ab einem geringen Mindestbestellwert) versandkostenfrei aus. Das Logistikunternehmen erhält etwa 2 Euro pro Paket (Die Zeit Nr. 23/2013), egal wie schwer es ist. Die Leidtragenden sind, außer den Zustellern, wir alle.

Seit Günter Wallraff die skandalösen Arbeitsbedingungen bei einem DHL-Subunternehmen aufgedeckt hat, beschäftigen sich immer wieder die Medien mit diesem Thema, so wie jetzt aktuell DIE ZEIT. Am Pranger stehen meist die Logistiker, weil sie Subunternehmer beauftragen, die ihre Leute ausbeuten. Manchmal sind auch die Versender die Schurken, weil sie dem Logistiker zu wenig zahlen. Die jedoch nennen es „Service“, dem Kunden keine Versandkosten zu berechnen. Ende der Spirale.

Seit der Markt sich vom Nachfrage- zum Angebotsmarkt entwickelt hat, seit also mehr, viel mehr produziert wird, als wir brauchen, werden wir Konsumenten mit immer raffinierteren Tricks überredet, mehr zu kaufen als wir brauchen. Diese Entwicklung hat aus uns dekadente Paschas gemacht. Unsere Ansprüche steigen, angefeuert durch immer niedrigere Preise, immer schnellere Lieferungen, immer mehr Service, ins Uferlose. Alle verlieren bei dieser Abwärtsspirale an Würde – Hersteller, Händler, Versender und nicht zuletzt wir Kunden.

Ich will kein dekadenter Pascha sein. Ich will hinschauen, denken und verantwortungsvoll handeln. Ich werde keinem Händler freiwillig Versandgebühren überweisen, der sie nicht verlangt. Aber ich werde ab sofort jedem Zusteller ein ordentliches Trinkgeld geben. Oder ich hole, verflixt nochmal, meine Pakete selbst bei der Packstation ab!

Foto: Lea Nieschmidt

Kommentare (5)

  1. Alles richtig, was in den vorherigen Kommentaren gesagt wurde und deshalb brauche ich das nicht wiederholen.
    Der Boom des Internethandels hat aber speziell in Deutschland einen „Pfeiler,“ der mich persönlich besonders anwidert- die “ Geiz ist Geil- alles umsonst und zwar sofort“ -Ideologie. Wenn man liest, daß deutsche Kunden Weltmeister im Zurückschicken sind- weil das hierzulande ja im Unterschied zu anderen Ländern kostenlos ist- und bei einschlägig bekannten Unternehmen 50 bis 70 % (!!!) der Waren zurückgehen, dann fragt man sich schon, ob das nicht angesichts des damit zwingend verbundenen Elends der Ausfahrer, auf deren Rücken das ja nur ausgehen kann, endlich von Amts wegen abgestellt gehört. Gören, die sich bei Zalando komplette Garderoben in 5 Größen bestellen, um zuhause eine Modenschau zu veranstalten, ohne auch nur den Hauch einer Absicht zu haben, von den Fummeln etwas zu behalten, würden sich das sicher dreimal überlegen, wenn sie die realen Kosten der Rücksendung bezahlen müßten. Ich habe – in ehrenamtlicher Schuldnerberatung – einen jungen Mann kennen gelernt der als“ selbständiger Unternehmer “ mit 26 Jahren 60 000 Euro Schulden angehäuft hatte, weil er als Mensch mit Migrationsuntergrund den Vertrag nicht verstanden hatte , den er bei DHL unterschreiben mußte und deshalb brutto mit netto verwechselte. Sein realer Stundenlohn hätte bei Abführung aller Steuern und Sozialabgaben bei 3.80 pro Stunde gelegen. Jetzt kann er schauen, wie er die Schulden wieder loswird.
    Machen wir uns nichts vor- das für den Verbraucher so bequeme versandkostenfreie Sch–Spiel kann nur deshalb solche Umsatzsteigerungen verzeichnen, weil die Menschen, die es in Versandzentren und „Sprintern“ möglich machen, jämmerlich ausgebeutet werden und wer das nicht will, kauft da, wo die mit der Erfüllung seiner Kaufwünsche beschäftigten Leute wenigstens nach Tarif bezahlt werden.

    • Die FdP hat auch immer brutto mit netto verwechselt – jetzt sind se weg.
      Aber im Ernst: das kostenlose Zurückschicken ist ein Aspekt, den ich bislang nicht betrachtet habe. Übrigens ist das Verhalten nicht nur bei den „Gören“ zu finden sondern durchaus auch bei uns Erwachsenen.

  2. Liebe Hannelore,

    das richtige Thema kurz vor Weihnachten, wenn die Sprinter und andere Fahrzeug quasi in 24 Stundenschichten fahren. Ich habe einen Mandanten, der auch bis vor kurzem als Fahrer Teil des Systems war. Der Umsatz stand in keinem reellen Verhältnis zum zeitlichen Aufwand. Er hat zum Glück den Absprung geschafft und etwas anderes gefunden. Aber er ist auch helle und bereit, Veränderungen einzugehen.

    Ich bin mir nicht so sicher, ob es einfach dadurch besser wird, dass wir die Pakete an der Packstation abholen. Dann haben wir nur die Logistikkette anders gelenkt. Dagegen wird es wohl schon anders, wenn wir wieder stärker örtlich nah einkaufen.

    Beste Grüße
    Christoph

  3. Jeder hat das in der Hand. Da geht es nicht nur um die unterbezahlten und unter Zeitdruck stehenden Zusteller. Es geht auch um die vielen kleineren – meist inhabergeführten – Läden. Die können sich kaum „über Wasser halten“ und sterben einer nach dem anderen. die Fußgängerzonen deutscher Städte gleichen wie ein Ei dem anderen. Handy-Ketten, Schuh-Ketten, Bäcker-Ketten, Mode-Ketten…
    Wenn wir eine vielfältige, spannende, kreative und lebendige Angebots- und Ladenlandschaft haben wollen, müssen wir unser Konsumverhalten überdenken. Jeder Einzelne kann da was machen. Nicht etwa beim Fachhandel beraten lassen und dann beim Billiganbieter im Internet kaufen. Nicht jeden Mist bestellen, nur weil das gerade si günstig oder hipp ist…
    Immer wieder erzählen Leute, die gerade frisch aus dem Urlaub im Süden kommen, wie toll das mit den kleinen Läden an der Ecke oder dem Einkaufen auf dem Markt war. Die Zutaten für das Essen am Dia-Abend haben sie dann aber doch lieber beim Discounter gekauft. …

    • @ Christoph und Hans-Jörg: Grundsätzlich stimmt das mit dem Einzelhandel natürlich, dem wird wohl niemand widersprechen. Trotzdem werden die Einkäufe über das Internet zunehmen, und ich denke, auch das gehört zur Vielfalt. Es ist beileibe nicht alles Schrott, was es dort zu kaufen gibt. Im Gegenteil. Viele Kreative finden darüber ihre Kunden – und das eben auch über Amazon oder ebay, die ja unendliche Marktplätze sind. Man kann es nicht bestreiten: das sind pfiffige Lösungen. Mir geht es darum, dass nicht einer am Ende der Kette das Preisdumping ausbaden muss. Egal wer das ist. Immer, wenn das Produkt oder die Dienstleistung austauschbar ist, geraten alle unter Druck. Diesem Druck beugen sich viele Anbieter. Aber müssen sie das? Es geht doch um die Wertschätzung dessen, was man herstellt, konzipiert, vertreibt – und damit um die Würde aller.

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