Dienstag, 11. Januar 2011.Fundraising, Mittelakquise, Spendengelder

Bei der Recherche für meine nächste Workshop-Staffel „Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit“, die demnächst beginnt, bin ich auf Zahlen gestoßen, die mich nachdenklich gemacht haben. Eingedampft kann man sagen: 2009 (okay, ein Krisenjahr) sank das Fundraising-Aufkommen in Deutschland um 3% und betrug mit 2,1 Mrd. Euro lediglich 0,1% des Bruttoinlandsprodukts. In den USA (vermutlich stärker gebeutelt als Deutschland), wurden wie alle Jahre zuvor etwa 2,1% des BiP (GDP) gespendet (309 Mrd. US$). Das ist ein gewaltiger Unterschied und heißt für Deutschland, dass noch ordentlich Luft nach oben ist.

Leider enthält keine der Statistiken Zahlen über ehrenamtlich geleistete Arbeitsstunden bzw. deren Gegenwert. Auch ist nichts zu erfahren über den Know-How-Transfer, der dabei fast immer stattfindet – was ganz sicher nichts mit Geringschätzung zu tun hat. Damit diese Leistungen nicht vergessen werden, empfehle ich meinen Workshop-Teilnehmern, diese Zahlen unbedingt mit einem entsprechenden Wert zu versehen und zu evaluieren.

Ich habe leider manchmal den Eindruck, dass Fundraising in Deutschland nicht, wie in den USA, eine Kulturtechnik ist sondern noch immer wie eine Peinlichkeit behandelt wird. Selbst wenn man mit offenen Armen zur „lustvollen“ Beteiligung an einem Projekt einlädt, ist die Reaktion immer noch zu selten: „Interessantes Projekt! Gerade bin ich zwar da und dort engagiert, weshalb ich nur wenig beisteuern kann“. Angesprochene reagieren erstaunlicherweise manchmal überhaupt nicht.

Das ist sehr schade und ich würde mir wünschen, das selbstverständliche, „lustvolle“ Geben wäre auch in Deutschland stärker kulturell verankert. Aber wir sind durchaus auf gutem Weg, wenn man den Anstieg der Stiftungsgründungen betrachtet: Bundesweit stieg die Zahl der Stiftungen 2009 um 914 oder sechs Prozent auf 17 372 (Bundesverband Deutscher Stiftungen).

Welche Erfahrungen haben Sie mit Gebern aller Art gemacht? Über welche Strukturen für ein erfolgreiches Fundraising verfügt Ihre Schule/ Ihre Organisation/ Ihr Verband?

Ich freue mich über Rückmeldungen und Kommentare.

Kommentare (4)

  1. Beim Lesen dieses blogs sind mir plötzlich die vielen Benefit-Sendungen im Deutschen Fernsehen ins Gedächtnis gekommen, die wir laufend nach schrecklichen Naturkatastrophen erleben. Es ist ja nobel und hoch willkommen, dass die deutsche Öffentlichkeit jeweils zu solchen Anlässen hoch spendabel den öffentlich-rechtlichen Spendenwünschen nachkommt. Natürlich brauchen Haiti; Afrika, Asien und Mittelamerika nach Stürmen Hurricans, Taifuns, Tsunamis und Erdbeben dringend Soforthilfe. Viel nötiger wäre aber eine solide Politik insbesondere in der Entwicklungshilfe. Da werden Millionen von Euro sinnentzogen einfach so weil sie da sind eingesetzt, ohne zu schauen, was tatsächlich Not wenden könnte. Ja, es ist schwierig da alles ordentlich zu beurteilen und zu bewerten. Hilfe in Deutschland ist vor allem Hilfe nach öffentlich gemachter Notlage.

    Wichtiger wäre eine kontinuierliche Hilfe von kleinen oder auch größeren, dauerhaften Projekten, die unanbhängig von aktuellen Katastrophen vor Ort wirken.

    Da gibt es eine Reihe guter und wichtiger Projekte. Ich und meine Frau sind seit vielen Jahren in „Problemzonen“ Mittelamerikas engagiert. Wir kennen auch einige Leute, die in Afrika seit Jahren und Jahrzehnten helfen. Einer davon, Dr. Karl-Horst Marquardt, der sich seit Jahrzehnten in der Aids-Bekämpfung und -Hilfe in Afrika – insbesondere Uganda – engagiert hat mir mal zu denken gegeben, als er mir von einem europäischen offiziellen staatlichen Hilfsprojekt erzählt hat, deren Teilnehmer in Nairobi in noblen Hotels übernachtet und getagt haben, während er und seine Frau in Lehmhütten vor Ort bei den von ihnen geförderten Einfachstprojekten übernachtet haben. Den Kongress haben sie dann doch ebenfalls besucht und dort vor allem den Komfort des Bades und der Verpflegung genossen. Der Hinweis, dass nur ein Bruchteil der Ausgaben dieser Tagung echte sinnvolle Hilfe vor Ort ermöglicht hätte ist ein Teil dieser Geschichte und mir in Erinnerung geblieben.

    Sponsoring und Fundraising in Deutschland funktioniert. Was man braucht sind gute, glaubhafte Projekte und Partner, die einem dabei helfen, diese Projekte entsprechend darzustellen und zu platzieren.

  2. Es ist spannend Deinen Artikel und die beiden ersten Kommentare dazu zu lesen.
    Für mich war jetzt das wichtigste Resultat, dass ich in Zukunft die Stunden „unserer“ Ehrenamtlichen dokumentieren und mit in den Rechenschaftsbericht aufnehmen werde! Das ist längst überfällig, aber typisch dass ich aufgrund der Fülle von Aufgaben nicht selbst auf die Idee kam, das schon längst zu tun.
    Kristin Kreimer-Philippi, Stuttgarter Kinderschutz-Zentrum

  3. Ich bin nicht nur ein bißchen allergisch dagegen, ausgerechnet die USAkaner in diesem Punkt als „Vorbild“ unter die Nase gerieben zu bekommen. Man vergleiche doch mal die reale Steuern plus- Sozialabgabenlast in den USA und hier und setze dann die Zahlen wieder in Relation-dann sieht das, was Bürger hierzulande insgesamt für das Gemeinwesen aufwenden, schon gleich ganz anders aus. Bei uns wird vieles, was in den USA als „freiwillige Leistung“ ( natürlich mit entsprechendem Namens-Schildchen an der Spende) läuft, ebenso anonym wie selbstverständlich via Steuern oder Sozialkassen über staatliche Leistungen sichergestellt. Ich habe in den 6 Jahren, in denen mein Sohn jetzt in den USA lebt, und in denen ich ihn regelmäßig mehrmals dort mehrere Wochen besuche und jeden Tag mehrere Zeitungen gelese habe-einschließlich der Leserbriefe und des jeweiligen Lokalteils- vielmehr den Eindruck gewonnen, daß es „drüben“ jedenfalls in diesem Jahrtausend in erschreckendem Maße an Engagement über die eigene Vorgartenschwelle hinaus fehlt. Das fängt mit der Verweigerung lokaler Steuern für Hochwaserrückhaltebecken an, die den im gleichen Landkreis nur 20 km unterhalb lebenden Nachbarn zugute kämen, und hört bei der Verweigerung von Steuermitteln zum Bau einer S-Bahn von San Francisco ins stinkreiche Marin County noch lange nicht auf-obwohl man selbst dadurch jeden Tag zwei Stunden Lebenszeit sparen würde, die man beim Status Quo auf der Route 101 verplempert. Was man aber immer noch lieber tut, als durch eine S-Bahn das Risiko in Kauf zu nehmen, daß ein paar arme Teufel aus San Francisco doch tatsächlich mal nach Sausalito kämen. Von so viel für eigentlich längst überfällige öffentliche Aufgaben gespartem Geld ist dann leicht ein paar Dollar mehr für wohltätige Zwecke spenden. Das jüngste Erpressungsmanöver der Republikaner i. S. Steuernachlass für die Superreichen ist ja wohl auch noch nicht vergessen.Also -Vorsicht also bei solchen Vergleichen. Die Leute, die bei uns ihre Steuern und Sozialabgaben zahlen, zahlen schon viel mehr für Soziales, Kultur und allen zugute kommende öffentliche Infrastruktur, als es in den USA bei den meisten der so gelobten „3 plus x %-Spendern“ der Fall ist.

  4. Zum Thema Fundraising:
    ES ist in Deutschland anrüchig, Geld zu haben, also ist es auch anrüchig, Geld zu spenden. Interessant, dass das z.B. in der Schweiz selbstverständlich ist, Kultur zu unterstützen, sei es über Stiftungen oder private „Gönner“ …
    Ich kann mir aber vorstellen, dass sich das in Zukunft auflockern wird, bei einer verbesserten Wirtschaftslage.

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