Mittwoch, 10. Oktober 2012.Das neue Bild von Schule

Nach wie vor – und vermutlich noch in zwanzig Jahren – hört man Klagen über junge Lehrerinnen und Lehrer, die nicht in der Lage seien, komplexe Aufgaben zu lösen, über Lehramts-Studierende, die allenfalls vorgedachte Lösungen abarbeiten könnten, über Lehramtsanwärter, die nicht in der Lage seien, im Team zu arbeiten.

Ein Workshop für angehende Lehrkräfte zum Thema Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising: Jede Gruppe soll anhand einer Stärken-Schwächen/ Chancen-Risiken-Analyse (SWOT) das spezifische Potenzial „ihrer“ (fiktiven) Schule herausarbeiten. Dafür sind Vision und Botschaft zu formulieren und außerdem eine Projektidee zu entwickeln, die diese Botschaft einer bestimmten Zielgruppe vermitteln kann – und zwar einprägsam und nachhaltig. Obwohl das ein ziemlich komplexes Schulentwicklungs-Thema ist, das außerdem nicht unbedingt in die Kernkompetenz angehender Lehrer/innen fällt, wurden kreative und gleichzeitig strukturierte Lösungen erarbeitet, die sich in die Praxis umsetzen ließen. Und auch die Erarbeitung der begleitenden Pressemeldung gelang einwandfrei, weil kein Gruppenkonsens für einzelne Formulierungen gesucht, sondern die Aufgaben entsprechend der unterschiedlichen Kompetenzen aufgeteilt wurden.

Es gibt noch mehr gute Nachrichten: Grundschulkinder, die im Herbst in Baden-Württemberg eingeschult wurden, erzählen von Freiarbeit und Wochenplänen, die sie gemeinsam mit ihren Lehrerinnen erstellen. Ist das Kind früher fertig als geplant, hilft es den Langsameren oder holt sich Zusatzaufgaben. Ich vermutete, dass es sich um eine besonders innovative Grundschule handelt. Aber meine kleine Recherche ergab: An vielen ganz normalen Schulen vollzieht sich offenbar ein Wandel – angenehm unaufgeregt und selbstbewusst.

Kommentare (2)

  1. Auch mein Sohn zählt zu den Grundschülern, die im Herbst 2010 eingeschult wurden, an einer ganz normalen Grundschule einer Kleinstadt in der Region Stuttgart. Ich glaube nicht, dass die Schule besonders innovativ ist, sondern eher normales Mittelfeld. Doch auch hier gibts Freiarbeit und Zusatzaufgaben und die Eltern können – so sie möchten und Zeit haben- als „Lesepaten“ mitwirken und mit den Kindern während der Schulzeit in Gruppen oder Einzelunterricht Lesen üben, damit jeder möglichst individuell gefördert wird. Ich bin immer wieder verblüfft, mit welcher Begeisterung und Freude diese Erstklässler dabei sind und lernen wollen und wünsche mir, dass dies möglichst lange anhält … doch warum gibts dann (so wohl ab der 3. Klasse)plötzlich diesen Bruch und alle reden nur noch von Druck? Nur weils dann Noten gibt und die Auslese beginnt???
    s.a. ARD-Doku v. 14.2. „Deutschland unter Druck“
    Ich nehme mir jedenfalls vor, möglichst gelassen damit umzugehen – man wird sehen.

  2. Was da im letzten Absatz beschrieben wird, war mehr oder weniger schon Realität, als ich -1952 !- in einer katholischen Zwergschule im Saarland eingeschult wurde. Da vier Jahrgänge in einem Klassenzimmer saßen, ergab sich dieses kreative Miteinander ganz von selbst. Die Lehrer verteilten zwar noch hangefertigte Prügel und das wollen wir bestimmt nicht nochmal haben, aber sie hatten auch allesamt den Ehrgeiz, kein Kind auf irgendwelche Sonderschulen abzuschieben, die es auch damals schon gab. Und auch von den sog. „sozial schwachen“ Kindern(früher hießen die einfach „arm“) hat keines die Schule verlassen, ohne ausreichend rechnen und schreiben zu können. Alle meine Klassenkameraden haben eine Lehrstelle bekommen und einen Beruf lernen können, von dem sie leben konnten, ohne auf Aufstocker- ALG angewiesen zu sein.
    Ich bin keine Nostalgikerin aber wenn man sich das aktuelle Szenario so anschaut, sind irgendwann offenbar Selbstverständlichkeiten verloren gegangen, für deren Verständnis und Anwendung man nicht habilitiert sein mußte.

← Zurück zu allen Artikeln