Freitag, 08. Mai 2015.Griechenlands Politiker ohne Plan

Diesen Blog habe ich am 8. Mai 2010 veröffentlicht: Griechenland ist bankrott und die Menschen gehen auf die Barrikaden. Das nicht als Desaster zu sehen, fällt sogar Optimisten wie mir schwer. Trotzdem versuche ich es mit Gelassenheit, was auch bei Dauerregen hilft. Der endet nur selten in einer Katastrophe. Aber Griechenland?

Einst hatte ich großes Vertrauen in die Kompetenz der Politiker: Sie würden mit Weitblick und einer gewissen Geradlinigkeit das Gebotene tun. Früher, das war zumindest mein Eindruck, haben Politiker zum Wohl ihrer Bürger, des Volkes, gehandelt, und manchmal wussten sie sogar besser als das Volk, was zu seinem Wohl ist. Sie schielten nicht auf Quoten, richteten sich nicht kurzfristig nach Meinungsumfragen oder betrieben Klientelpolitik. Sie gingen ihren Weg, den sie, nach allen Abwägungen, für richtig hielten. Und sie versuchten, in großer Sympathie für die Bürger, ihnen diesen Weg zu vermitteln, anstatt wie Feudalherren zu agieren. Ob Erinnerung oder frommer Wunsch:  es kommt mir vor, als habe damit die schleichende Entpolitisierung der Bürger begonnen.

So verantwortungslos wie „Basta-Entscheidungen“ sind absurde Versprechungen. Der Otto-Normalwähler denkt an seinen eigenen Vorteil, nicht an das Wohl aller. Er denkt kurzfristig und gibt demjenigen seine Stimme, der ihm Vorteile verspricht. Das ist nachvollziehbar und nicht verwerflich. Politiker wissen das. Sie nutzen Meinungsumfragen, um Wählern absurde Versprechungen zu machen. In Deutschland, in Griechenland, überall. So können sie eine weitere Legislaturperiode regieren.

Ich will mir wirklich nicht anmaßen, die deutsche Politik mit der griechischen zu vergleichen. Aber von Politikern, deutschen wie griechischen und eigentlich fast allen, wünsche ich mir mehr Rückgrat, und sie sollten versuchen, ihre Entscheidungen zu vermitteln.

Ein verantwortungsvoller Politiker ist einer, der einen Kompass, eine Vorstellung davon hat, was richtig ist für ein Land, eine Gesellschaft, auch über den Tag und die Legislaturperiode hinaus.

1 Kommentar

  1. Diesen Beitrag hab ich leider erst heute gelesen. Da das beschriebene Dilemma aber seit dem 8.5. eher noch deutlicher geworden ist, möchte ich doch noch was dazu sagen. Es hilft-so fürchte ich- nicht weiter, von den Politikern mehr Sympathie für „die“ Bürger zu verlangen. In einer repräsentativen Demokratie gilt es eben, die Interessen sehr unterschiedlicher Bürger zum Ausgleich zu bringen, und das gelingt nicht nur bei uns aus systemimmanenten Gründen immer schlechter. In einer Zeit, in der die Wahlbeteiligung in allen westlichen Ländern immer geringer wird , und deshalb immer kleinere Gruppen mit ihren Partikularinteressen wahlentscheidend werden, werden die Grenzen des Systems parlamentarische Demokratie überdeutlich, die schon Alexander von Toqueville 1830 in seiner Schrift „Über die Demokratie in Amerika“
    klar erkannt hat. Daß ich keine Abhilfe weiß, ändert nichts an der Richtigkeit der Analyse.

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