Mittwoch, 15. April 2015.Berlin ./. Stuttgart – Pragmatisch ./. Perfektionistisch

Mentalitätsunterschiede zwischen Berlin und Stuttgart kann wunderbar studieren, wer sich im Museum nach einer ermäßigten Eintrittskarte erkundigt – z.B. als Inhaber eines Schwerbehinderten-Ausweises. Ob sie gewährt wird oder nicht, ist nicht einheitlich geregelt. Das kann der Betreiber entscheiden – weshalb die Reaktionen amüsant und aufschlussreich sind.

An der Kasse für die Führungen über den inzwischen geschlossenen „Luftbrücken“-Flughafen Berlin-Tempelhof: Eine Besucherin fragt nach einer Ermäßigung, sie sei Besitzerin eines Schwerbehinderten-Ausweises. „Ermäßigungen haben wir nur für Studierende. Für Schwerbehinderte können wir nichts anbieten, weil unser Gelände nicht barrierefrei ist“, erklärt ihr die nette Dame hinter dem Tresen. „Es gibt aber doch auch behinderte Menschen, die nicht im Rollstuhl sitzen“; diese Erwiderung bringt sie zwar ins Grübeln, sie findet aber trotzdem, dass ermäßigter Eintritt etwas mit Barrierefreiheit zu tun hat. Die Besucherin lässt nicht locker. Sie gibt zu bedenken: „Schauen Sie, ich zum Beispiel habe eine 90-prozentige Schwerbehinderung, aber gehbehindert bin ich eindeutig nicht.“ Jetzt scheint die Dame an der Kasse überzeugt oder überredet und kapituliert. Nach kurzem Nachdenken reißt sie die Eintrittskarten ab, gibt ihr eine ermäßigte Karte und meint: „Ach, wissen Sie was, für mich sind Sie eben einfach Studentin“. Berlin wird scheinbar eine richtig schöne Stadt.

Stuttgart Staatsgalerie: Ein junger Mann bittet um eine ermäßigte Eintrittskarte für die Schlemmer-Ausstellung. Die gescheitelte Dame an der Kasse schaut kritisch auf seinen Ausweis, gibt ihn zurück und sagt: „Wir gewähren nur Ermäßigungen bei einer 100-prozentigen Schwerbehinderung“, reißt eine reguläre Eintrittskarte ab und schiebt sie mit strengem Blick dem konsterniert dreinblickenden Besucher über den Tresen.

Foto: Lea Nieschmidt

Kommentare (2)

  1. Die Berliner Szene ist mir als Neu-Berlinerin sehr vertraut! Hier kommt man leicht und auf Anhieb
    mit den Menschen ins Gespräch! Ich lebe seit 2 1/2 Jahren in Berlin und bin immer wieder entzückt,
    wie selbstverständlich nach Lösungen gesucht wird, egal wo! Alles wird auf einer Mensch – zu – Mensch –
    Ebene abgehandelt, auf der Post genauso wie mit Polizisten der auf dem Markt.
    Es entsteht leicht ein freundlich-persönlicher Kontakt, egal wie kurz die Kommunikation auch ist!
    Ganz anders ist das in München, wo ich 30 Jahre lebte!
    Ich finde, man kann die Atmosphäre einer Stadt schon verallgemeinern. Allerdings muss man offen für
    kleine Nuancen und Besonderheiten sein

  2. EINE Kartenverkäuferin in Berlin und EIN Kartenverkäufer in Stuttgart und jetzt wissen wir also Bescheid, wie DIE Berliner und wie DIE Schwaben sind. Und wer weiß, mit welch fragwürdigen Methoden die 90 und 100%igen „Schwebehinderungen “ zusammengestückelt werden können, und daß es sich bei nicht wenigen der so zu Schwerbehinderten gemachten Zeitgenossen keineswegs regelmäßig um wirklich Bedürftige handelt, der kommt aus dem Kopfschütteln über diesen Beitrag garnicht mehr raus. Nichts für ungut aber ich hab gegen Verallgemeinerungen eben nicht nur dann was, wenn es gegen Zuwanderer geht.

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