Mittwoch, 19. Dezember 2012.„Sie stehen hinten!“ – Die Erziehungsmanie geht um

Ältere Herrschaften, vor allem die, die niemals Kinder hatten, erziehen gern. Das Alter spielt dabei keine große Rolle. Die zunehmend kinderlose, immer älter werdende, homogen lebende Gesellschaft hat Probleme mit Ungewohntem: ungewohnten Geräuschen, ungewohnten Verhaltensweisen, ungewohntem Äußeren. Viele Menschen tun sich schwer, andere Regeln als ihre eigenen zu akzeptieren. Auch wenn es keine groben Regelverstöße gab, niemand zu Schaden kam und niemand sie persönlich angegriffen hat, fordern sie die Einhaltung von Regeln – ihrer eigenen.

Kürzlich auf dem Wochenmarkt: Ein gestandener, erwachsener Mann wird harsch zurechtgewiesen, weil er sich am Marktstand irgendwo in die ungeordnete Menge gestellt hat: „Sie stehen hinten!“ Als Motorroller-Fahrerin, die sich hin und wieder an der Schlange vorbeimogelt, werde ich regelmäßig vom ersten startenden Auto geschnitten, angehupt oder gar vom Fahrer angeschrieen, der dafür eigens die Fensterscheibe herunterlässt. Ein junger Mann, der morgens voller Enthusiasmus mit dem Fahrrad durch den Park rast, und von einem Mann angebrüllt wird: „Hey, absteigen! Das ist verboten!“ Ein kleines Kind, zu alt um noch niedlich zu sein, das mit Straßenschuhen auf die verdreckte Metallbank in einer U-Bahn-Station steigt und von einer älteren Dame angeherrscht wird: „Geh sofort da runter“. Die Mutter, die dazukommt und um einen angemessenen Ton bittet, wird angeraunzt: „Sie hätten Ihr Kind längst richtig erziehen müssen!“

Die meisten Menschen reagieren darauf gelassen. Aber was sagt eine junge Frau, die aus schwierigen Verhältnissen kommt und vielleicht voller Minderwertigkeitsgefühle steckt, weil sie trotz großer Anstrengung keinen Job bekommt, wenn sie so gemaßregelt wird? Oder der pubertierende junge Mann, der sich nirgendwo mehr austoben und seine Kräfte messen kann? Wie reagieren diese jungen Menschen, wenn sie ohne Not „in den Senkel gestellt“ werden und alles nach einer „Erziehungsmaßnahme“ riecht, die überhaupt nichts bewirkt?

Im Sport gilt es als kleinlich, unabsichtliche, unwesentliche Fouls zu ahnden, denn das stört den Spielfluss. Der Schiedsrichter übersieht sie, obwohl er sie gesehen hat. Die nächste Stufe, die gelbe Karte, wird gezogen ohne moralinsauren Unterton. Und erst bei einer groben, absichtlichen Regelverletzung gibt es einen Platzverweis. Das wären gute Regeln für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen! Und nicht nur mit ihnen.

Kommentare (2)

  1. Audiator et altera pars! Sagt der Römer und meint, daß man vor dem Urteilen immer auch die andere Seite hören soll. Ich sehe in diesen Beispielen jedenfalls nicht durchgehend den Wunsch zu erziehen, sondern vielleicht einfach genervte Reaktion auf zu Recht als Zumutung empfundenes Verhalten der ebenso engagiert wie vielleicht doch ein bißchen einseitig in Schutz genommenen“Unschuldigen“. Vielleicht ist die ältere Dame eine Rentnerin, die jeden Pfennig dreimal umdrehen muß und erst kürzlich wieder einen Mantel in die Reinigung geben mußte, weil sie ihn sich auf einer U-Bahn-Bank versaut hat, die ein „unschuldiges“ Kind mit seinen Schuhen oder gleich mit seinen Essensresten oder Kaugummi verdreckt hat? Vielleicht stand der Erzieher am Marktstand schon endlos lange an und hat-was bei ungeordneten Mengen vor Marktständen in Stuttgart leicht passiert- bereits mehrfach das Vordrängeln eines sich ebenso „unschuldig“ wie strategisch geschickt „irgenwo“ hinstellenden gestandenen Herrn erlebt? Vielleicht ist der selbst ernannte Parkwächter erst kürzlich von einem „unschuldig“ dahinrasenden Radfahrer umgerannt worden und hat seitdem eine Heidenangst , nochmal auf einem eigentlich für Radfahrer gesperrten Parkweg zu Schaden zu kommen? Wir wissen es nicht aber eben drum sollten wir die Einteilung in die „guten“ ach so „Unschuldigen“ und die miesepetrigen Volkserzieher vielleicht nicht gar so unerschrocken angehen.
    Daß Gelassenheit eine Tugend ist, von der wir uns alle etwas mehr wünschen, sei aber unbestritten.Wenn man es schafft, hat man selbst schließlich am meisten davon.

  2. Finde ich nur GUT – öfters mal tief durchatmen – still werden und „SEIN“. Ich vertraue diesem geistvollem Umgang im Sport und dem so möglichen Spiel- und Lebensfluss.
    So könnte es für uns ALLE friedlicher werden.

← Zurück zu allen Artikeln